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Detroit – Heimat des amerikanischen Alptraums

Lost Detroit, 3

Lost Detroit, 3

Detroit hat viele Spuren in der amerikanischen Geschichte hinterlassen. Die Stadt ist eine Wiege des Jazz, von hier ging der Motown-Sound um die Welt, Stars wie Carl Craig und Kyle Hall sind heute noch stilbildende Ikonen des Techno und House. Tatsächlich steht Detroit aber auch für Niedergang, Verfall und Hoffnungslosigkeit und gilt als die von Krisen und unheilvollem Wandel am meisten gezeichnete amerikanische Großstadt.

Shrinking city: von 2,3 Millionen auf 700.00 Einwohner

Dabei war die Metropole an der Grenze zu Kanada Jahrzehnte lang das Musterbeispiel für Fortschritt und Wohlstand, ein leuchtendes Symbol für Industrialisierung und Wachstum. Geographisch an wichtigen Handelsrouten günstig gelegen, mit Erzbergwerken und Stahlöfen in der Nachbarschaft. Die großen Automobilhersteller Ford, General Motors, Chrysler trugen entscheidendet dazu bei, dass die USA zur führenden Wirtschaftsmacht der Welt aufstieg: bis in die zweite Haelfte des 20. Jahrhunderts kamen fast 90% aller weltweit fahrender Autos aus den Detroiter Fabriken.

Die Stadt kannte nur ein Tempo: Vollgas. Der Boom macht nicht nur die Familien der Industriemagnaten und die Manager der Autofirmen reich, sondern bringt auch den Arbeitern in den Fabriken beruhigenden Wohlstand. Nirgendwo in den USA besitzen so viele Arbeiterfamilien ihr eigenes Haus – geräumig, sehr gut ausgestattet, auf großzügigen Grundstücken mit Gärten und viel Grün. Ueber 2,3 Millionen Menschen leben Anfang der Sechziger in der Stadt.
Heute sind es gerade mal 730.000. Der Niedergang kommt schnell und ist gnadenlos. Die Konzerne stürzen in die Krise, Hunderttausende werden arbeitslos. Andere Jobs gibt es nicht, die ganze Stadt ist eine industrielle Monokultur. Der amerikanische (Alb-)traum, nach dem Jeder seines Glückes Schmied ist und die Verlierer selbst Schuld an ihrem Schicksal sind, zeigt sich von seiner brutalen Seite.

Von der Wirtschaftskrise hat sich die Stadt nie erholt; die jüngste Finanzkrise besorgt den Rest

Unterstützung für die Gefeuerten gibt es 30 Tage lang. Viele die sich irgendwie durchwurschteln, trifft es spätenstens nach drei Jahren: Die Stadt beschlagnahmt jedes Haus, für das zum dritten Mal keine Steuer bezahlt wurde. Das Ergebnis des Niedergangs hat riesige Wunden ins Stadtbild gerissen. Gigantische Flächen der früheren Innenstadt sind verödet, fast entvölkert. Wo sich früher ganze Blöcke ausdehnten, stehen nur noch vereinzelte Häuser. Ein grosser Teil davon ist unbewohnt, verfallen. Viele Ruinen zeugen von Vandalismus. Und von den Bränden, weil defekte Stromleitungen alles in Flammen aufgehen lassen.

Lost City Detroit, Nr. 5; 2013

Lost City Detroit, Nr. 5; 2013

 

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Ruinen und verlassene Gebäude prägen das Bild des Zentrums von Detroit; Photo: Heinz Frentrop

In den Sechzigern des letzten Jahrhunderts wollen die Amerikaner die Sprit fressenden SUVs und Muscle Cars nicht mehr kaufen. Die kleineren Fahrzeuge aus Fernost und Europa sind günstiger und technisch besser. Der Niedergang der Autoindustrie und trifft nicht nur die Arbeiter. Fast die gesamte Ökonomie der Stadt geht den Bach runter. Wer kein Geld mehr hat oder wegzieht, kann nichts mehr einkaufen. Der Dienstleisungssektor bricht zusammen. Kevin, unser Guide, fährt uns durch die ruinösen Stadtviertel und zeigt uns das ganze Ausmaß der Katastrophe. Wir fahren an einer riesigen Freifläche vorbei, früher war das ein Finanzzentrum – viele Niederlassungen von Banken, Versicherungen, Versorgunseinrichtungen – komplett weg. Alle Gebäude abgerissen und dem Erdboden gleichgemacht. Die Natur hat sich das Areal weitgehend zurück geholt und überdeckt den Schutt mit monotonem Grün.

Kevin ist einer der Hoffnungsträger Detroits: für ein paar Dollar hat er der Stadt ein verlassenes Haus abgekauft. Zusammen mit ein paar Freunden baut er eine kleine heile Welt in Detroit Central auf, inmitten von Zerstörung und Kriminalität  Video: H. Frentrop

Brechen die Steuereinnahmen weg, fehlt der Stadt das Geld, um Strom-, Wasser- und Abwasserleitungen instand zu halten. Die gesamte Infrastruktur in einem riesigen Gebiet wird marode. Tausende Häuser wurden abgrissen und der Schutt einfach verteilt – die Böden sind deshalb mit Schwermetallen, Asbest und anderen giftigen Hinterlassenschaften hoch belastet. Das macht die Gegend für neue Investoren und Bauherren höchst unattraktiv – ein Teufelskreis.

Ironie des Schicksals: vor einigen Wochen geht mehr nebenbei die Nachricht durch die Wirtschaftsmedien, dass GM wieder der größte Automobilhersteller der Welt ist, vor Toyota und VW. Die Gründerfamilie lebt immer noch am Detroit River und hat auch wieder Fabriken gebaut. Setzt modernste, nachhaltige Technologien für die Herstellung des ersten Elektroautos ein – und Roboter. Ein gutes Dutzend Arbeiter reichen um sicher zu stellen, dass der vollautomatische Betrieb reibungslos läuft.

Mehr Infos:

Living with murder: Interactive map, breakdown of lives lost to violence in Detroit since ’03

Filme über Detroit

Detroit Lives